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Sie selbst
bezeichnete sich einmal als Falschgeborene. Sie war eine Frau
und Jüdin - zwei Tatsachen, durch die sie sich unterprivilegiert
fühlte. Zeitlebens sah sie sich in einer Frauenrolle festgefahren,
der sie nicht entkommen konnte. Daß in Europa Männer
und Weiber zwei verschiedene Nationen sind, ist hart. Die einen sittlich,
die andern nicht; das geht nimmermehr! Das Judentum auf der anderen
Seite versperrte ihr den Zugang zu anderen Gesellschaften des Bürgertums.
Wie lebte eine Frau der Bourgeoisie in Berlin des ausgehenden 18. bzw.
beginnenden 19. Jahrhunderts? Rahel Levin wurde in eine wohlhabende, jüdische
Kaufmannsfamilie hineingeboren. Sie musste sich zumindest zu den Lebzeiten
ihres Vaters keine Sorgen um ihren Lebensunterhalt machen. Sie bekam im
Hause ihres Vaters nur eine mangelhafte Bildung und wurde zunehmend zur
Autodidaktin. Plangemäß sollte Rahel heiraten und der Vorstand
eines eigenen Hausstandes werden. Doch Rahel entschied sich für einen
anderen Weg. Sie selbst beschrieb sich als sehr unansehnliche Frau. Doch
das war sicher nicht der Grund für ihre Ehelosigkeit. Sie hatte zeitlebens
immer wieder Verehrer und durchaus viele mit Heiratsabsichten. Und Rahel
überlegte, ob sie die Freiheit und Unabhängigkeit von den Eltern
der Freiheit durch die Ehelosigkeit vorziehen sollte. Außerdem hätte
sie gerne in eine standesmäßig höhere Gesellschaft eingeheiratet,
dafür hätte sie sogar den jüdischen Glauben aufgeben und
tatsächlich ließ sie sich später auch taufen.
Im Haus der Eltern nutzte Rahel jede Möglichkeit, auch ohne Heirat
ein gesellschaftliches Leben führen zu können. Es war die Zeit
der literarischen Salons und Rahel galt als besonders geistreiche Gastgeberin.
Viele Freunde scharten sich um sie. Im elterlichen Haus gaben sich die
Besucher die Klinke in die Hand. Der Tee bei Rahel Levin erfreute sich
großer Beliebtheit. Sogar Prinz Louis Ferdinand fand sich regelmäßig
unter ihren Gästen. Doch diese Beziehungen waren sehr einseitig.
Die Männer der höheren Gesellschaft kamen gerne in die Salons
der bürgerlichen Frauen, aber eine umgekehrte Einladung war undenkbar.
Rahel war unbestrittener Mittelpunkt ihres Salons. Sie hatte Esprit und
begeisterte ihre Zuhörer. Auf der anderen Seite konnte sie auch gut
zuhören, wo es notwendig war. Rahel brauchte das Gefühl, gebraucht
zu werden. Nur der Gedanke, damit auch wieder ein typisches Frauenklischee
zu bedienen, ließ sie in ihrem Tun wanken. Sie hatte sich mittlerweile
eine hohe Bildung zugelegt. Ihre Gesellschaft war nicht die beste - viele
Herumtreiber und Frauenhelden befanden sich unter ihren Gästen und
so manche Affäre fand in Rahels Salon ihren Anfang - aber sie war
die geistreichste.
Hauptsächlich über Literatur wurde geredet und Rahel sprach
am liebsten von Goethe, dem sie eines Tages auch auf einer ihrer Kuren
begegnete. Dieser sagte später einem gemeinsamen Freund über
Rahel: Sie ist stark in ihren Empfindungen und doch leicht in ihrer
Äußerung. Jenes gibt ihr eine hohe Bedeutung, dies macht sie
angenehm. Jenes macht, dass wir an ihr die große Originalität
bewundern, und dies, dass diese Originalität liebenswürdig wird,
dass sie uns gefällt. (...) Sie ist, soweit ich sie kenne, in jedem
Augenblick sich gleich, immer in einer eignen Art bewegt und doch ruhig
- kurz, sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte.Erst
im Alter von 43 Jahren heiratete sie einen 14 Jahre jüngeren Mann:
Karl August Varnhagen von Ense. Dazwischen hatte sie einige Liebschaften,
die sie auch offen auslebte. Dabei wählte sie sich vorzugsweise besonders
hübsche, junge (meist blonde) Männer aus. Sie erlaubte sich
eine amour fou, die sonst nur in umgekehrter Form besonders
durchgeistigten, hochgebildeten Männern, die sich hübschen,
aber naiven Frauen hingeben, zugeschrieben wird. In der Tat hatten die
Männer ihres Interesses nicht ihr geistige Niveau und waren ihr absolut
unterlegen.
Napoleon war die Ursache für eine große Zäsur in ihrem
Leben. Die Besatzung 1806 kostete die Industrie viel Geld und auch die
Levins machten große Verluste. Nach dem Tod der Eltern übernahm
Rahels Bruder das Familiengeschäft und wies Rahel ein für sie
ärmliches im Verhältnis aber immer noch ansehnliches Auskommen
zu. Doch die Besatzung löste auch ihren Salon auf. Viele Männer
mussten in den Krieg ziehen, Louis Ferdinand fällt in einer Schlacht.
Erst nach ihrer Heirat mit Varnhagen baute sie sich einen neuen Salon
auf. Die Hinterlassenschaft Rahel Levin Varnhagens sind ihre zahlreichen,
leidenschaftlichen Briefe. Einige Tausende befanden sich in ihrem Nachlass,
den ihr Mann nach ihrem Tod herausgegeben hat. Sie hinterließ keinen
Roman, der sie über ihren Tod hinaus berühmt gemacht hätte,
aber die Bedeutung ihrer Briefe mit Zeitgenossen, sind als Zeitdokumente
nicht zu unterschätzen. Sie lesen sich wie ein philosophisches Werk
oder wertvolle historische Zeugnisse. Ihre symbolträchtigen Ausdrücke
und literarischen Bilder zeugen von großer deutscher Literatur.
Rahel Varnhagens Leben war geprägt von einem enormen Mitteilungsbedürfnis,
welches ihr das Alleinsein unerträglich machte:
Liebe ahnt wohl. Man merkt es gleich, wenn sie einem entzogen wird.
Wir leben gleichsam in einer allgemeinen Kälte, wir wissen es oft
nicht, wer in unserer Nähe uns vor der kalten Luft schützt,
bis er sich entfernt und uns ihr aussetzt; aber wie in einem wirklich
kalten Zimmer, wenn einer, der neben uns saß, den Platz verläßt.
Viel sprechen würd' ich immer, weil ich viel denke. Hierüber
mündlich: daß das nämlich ein Irrtum ist, zu glauben,
daß die, welche viel denken, schweigen. Wer plappert, freilich,
der hat keine Zeit zum Denken. Aber wer Ideen hat, muß sie mitteilen.Obwohl
es immer wieder liebende Menschen um sie herum gab, die sich um sie kümmerten
und ihr Gesellschaft leisteten, fühlte sie sich oft sehr allein und
unverstanden. Einsam steht jeder, auch liebt jeder allein; und helfen
kann niemand dem andern. Das Schicksal einer Zu-früh-geborenen.
Wäre sie in ihrer Zeit ein Mann gewesen - wer weiß? - vielleicht
würden wir sie heute noch kennen. So ist sie eine (fast) Vergessene,
die für ihre Generation von großer Bedeutung war. In ihren
Salons fanden sich Menschen wie Heinrich Heine, Friedrich und Wilhelm
Schlegel, Friedrich Schiller, Clemens Brentano, Ludwig Tieck und viele
andere, die sich anders vielleicht nie begegnet wären.
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