Rahel Varnhagen (1771-1833)

Ein Portrait

Sie selbst bezeichnete sich einmal als „Falschgeborene“. Sie war eine Frau und Jüdin - zwei Tatsachen, durch die sie sich unterprivilegiert fühlte. Zeitlebens sah sie sich in einer Frauenrolle festgefahren, der sie nicht entkommen konnte. „Daß in Europa Männer und Weiber zwei verschiedene Nationen sind, ist hart. Die einen sittlich, die andern nicht; das geht nimmermehr!“ Das Judentum auf der anderen Seite versperrte ihr den Zugang zu anderen Gesellschaften des Bürgertums.
Wie lebte eine Frau der Bourgeoisie in Berlin des ausgehenden 18. bzw. beginnenden 19. Jahrhunderts? Rahel Levin wurde in eine wohlhabende, jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren. Sie musste sich zumindest zu den Lebzeiten ihres Vaters keine Sorgen um ihren Lebensunterhalt machen. Sie bekam im Hause ihres Vaters nur eine mangelhafte Bildung und wurde zunehmend zur Autodidaktin. Plangemäß sollte Rahel heiraten und der Vorstand eines eigenen Hausstandes werden. Doch Rahel entschied sich für einen anderen Weg. Sie selbst beschrieb sich als sehr unansehnliche Frau. Doch das war sicher nicht der Grund für ihre Ehelosigkeit. Sie hatte zeitlebens immer wieder Verehrer und durchaus viele mit Heiratsabsichten. Und Rahel überlegte, ob sie die Freiheit und Unabhängigkeit von den Eltern der Freiheit durch die Ehelosigkeit vorziehen sollte. Außerdem hätte sie gerne in eine standesmäßig höhere Gesellschaft eingeheiratet, dafür hätte sie sogar den jüdischen Glauben aufgeben und tatsächlich ließ sie sich später auch taufen.
Im Haus der Eltern nutzte Rahel jede Möglichkeit, auch ohne Heirat ein gesellschaftliches Leben führen zu können. Es war die Zeit der literarischen Salons und Rahel galt als besonders geistreiche Gastgeberin. Viele Freunde scharten sich um sie. Im elterlichen Haus gaben sich die Besucher die Klinke in die Hand. Der Tee bei Rahel Levin erfreute sich großer Beliebtheit. Sogar Prinz Louis Ferdinand fand sich regelmäßig unter ihren Gästen. Doch diese Beziehungen waren sehr einseitig. Die Männer der höheren Gesellschaft kamen gerne in die Salons der bürgerlichen Frauen, aber eine umgekehrte Einladung war undenkbar. Rahel war unbestrittener Mittelpunkt ihres Salons. Sie hatte Esprit und begeisterte ihre Zuhörer. Auf der anderen Seite konnte sie auch gut zuhören, wo es notwendig war. Rahel brauchte das Gefühl, gebraucht zu werden. Nur der Gedanke, damit auch wieder ein typisches Frauenklischee zu bedienen, ließ sie in ihrem Tun wanken. Sie hatte sich mittlerweile eine hohe Bildung zugelegt. Ihre Gesellschaft war nicht die beste - viele Herumtreiber und Frauenhelden befanden sich unter ihren Gästen und so manche Affäre fand in Rahels Salon ihren Anfang - aber sie war die geistreichste.
Hauptsächlich über Literatur wurde geredet und Rahel sprach am liebsten von Goethe, dem sie eines Tages auch auf einer ihrer Kuren begegnete. Dieser sagte später einem gemeinsamen Freund über Rahel: „Sie ist stark in ihren Empfindungen und doch leicht in ihrer Äußerung. Jenes gibt ihr eine hohe Bedeutung, dies macht sie angenehm. Jenes macht, dass wir an ihr die große Originalität bewundern, und dies, dass diese Originalität liebenswürdig wird, dass sie uns gefällt. (...) Sie ist, soweit ich sie kenne, in jedem Augenblick sich gleich, immer in einer eignen Art bewegt und doch ruhig - kurz, sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte.“Erst im Alter von 43 Jahren heiratete sie einen 14 Jahre jüngeren Mann: Karl August Varnhagen von Ense. Dazwischen hatte sie einige Liebschaften, die sie auch offen auslebte. Dabei wählte sie sich vorzugsweise besonders hübsche, junge (meist blonde) Männer aus. Sie erlaubte sich eine „amour fou“, die sonst nur in umgekehrter Form besonders durchgeistigten, hochgebildeten Männern, die sich hübschen, aber naiven Frauen hingeben, zugeschrieben wird. In der Tat hatten die Männer ihres Interesses nicht ihr geistige Niveau und waren ihr absolut unterlegen.
Napoleon war die Ursache für eine große Zäsur in ihrem Leben. Die Besatzung 1806 kostete die Industrie viel Geld und auch die Levins machten große Verluste. Nach dem Tod der Eltern übernahm Rahels Bruder das Familiengeschäft und wies Rahel ein für sie ärmliches im Verhältnis aber immer noch ansehnliches Auskommen zu. Doch die Besatzung löste auch ihren Salon auf. Viele Männer mussten in den Krieg ziehen, Louis Ferdinand fällt in einer Schlacht.
Erst nach ihrer Heirat mit Varnhagen baute sie sich einen neuen Salon auf. Die Hinterlassenschaft Rahel Levin Varnhagens sind ihre zahlreichen, leidenschaftlichen Briefe. Einige Tausende befanden sich in ihrem Nachlass, den ihr Mann nach ihrem Tod herausgegeben hat. Sie hinterließ keinen Roman, der sie über ihren Tod hinaus berühmt gemacht hätte, aber die Bedeutung ihrer Briefe mit Zeitgenossen, sind als Zeitdokumente nicht zu unterschätzen. Sie lesen sich wie ein philosophisches Werk oder wertvolle historische Zeugnisse. Ihre symbolträchtigen Ausdrücke und literarischen Bilder zeugen von großer deutscher Literatur.
Rahel Varnhagens Leben war geprägt von einem enormen Mitteilungsbedürfnis, welches ihr das Alleinsein unerträglich machte:
„Liebe ahnt wohl. Man merkt es gleich, wenn sie einem entzogen wird. Wir leben gleichsam in einer allgemeinen Kälte, wir wissen es oft nicht, wer in unserer Nähe uns vor der kalten Luft schützt, bis er sich entfernt und uns ihr aussetzt; aber wie in einem wirklich kalten Zimmer, wenn einer, der neben uns saß, den Platz verläßt.
Viel sprechen würd' ich immer, weil ich viel denke. Hierüber mündlich: daß das nämlich ein Irrtum ist, zu glauben, daß die, welche viel denken, schweigen. Wer plappert, freilich, der hat keine Zeit zum Denken. Aber wer Ideen hat, muß sie mitteilen.“Obwohl es immer wieder liebende Menschen um sie herum gab, die sich um sie kümmerten und ihr Gesellschaft leisteten, fühlte sie sich oft sehr allein und unverstanden. „Einsam steht jeder, auch liebt jeder allein; und helfen kann niemand dem andern.“ Das Schicksal einer Zu-früh-geborenen. Wäre sie in ihrer Zeit ein Mann gewesen - wer weiß? - vielleicht würden wir sie heute noch kennen. So ist sie eine (fast) Vergessene, die für ihre Generation von großer Bedeutung war. In ihren Salons fanden sich Menschen wie Heinrich Heine, Friedrich und Wilhelm Schlegel, Friedrich Schiller, Clemens Brentano, Ludwig Tieck und viele andere, die sich anders vielleicht nie begegnet wären.

Tanja Höschele, Frankfurt